einsatzbericht ferienprojekt "assista-2018" vom 20. - 25. august

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Schlussworte des Einsatzleiters:

Die "ASSISTA-2018" verlief sowohl in der arbeitsintensiven Vorbereitungsphase sowie in der anspruchsvollen Ferienwoche, unseren Ansprüchen entsprechend, sehr gut. Der nachstehende Bericht von Manuel Navarro vermittelt ein gutes Bild über die Einsatzwoche. Der Anlass verlief unfallfrei, war begünstigt vom schönen Wetter im Tessin und von der guten Infrastruktur im Campo Pestalozzi, Argeno. Das hohe Engagement, die Zusammenarbeit im "ASSISTA-Team" und die Flexibilität von allen war beispielhaft. Dafür danke ich allen Beteiligten herzlich.

Mein besonderer Dank gilt dem Pigna-Team unter der Leitung von Nadja Stampfli und meinem ZS-Leitungsteam mit Daniel Destraz, Mihi Matusovic, George Mete, Urs Schlatter, Boban Radosavlievic, Patrick Ott, Giuseppe D.Elia, Jean-Paul Forzinetti, Jonathan Weber und Pascal Thormeier.

Peter Schwarz, Kdt ZSO und Einsatzleiter

 

 

 

Fotoalbum der ASSISTA-2018

Klicken Sie auf die untenstehende Zeichnung von Ralf und schauen Sie die vielen Fotos.

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Tägliches Update in der Einsatzwoche 

 

Montag, 20. August

58 Zivilschützer der ZSO Hardwald, 20 Bewohnerinnen und Bewohner der Stiftung Pigna sowie sechs Betreuerinnen von Pigna haben heute offiziell den WK Assista 2018 in Arcegno begonnen. Der Einsatz wird vermutlich zum letzten Mal von Kommandant Peter Schwarz geleitet, der nächstes Jahr sein Amt abgeben wird.

Beim ersten Ferientag sind dem OK-Team, es wird dieses Mal von Daniel Destraz angeführt, die Hände gebunden: Hauptziel des Tages ist die Fahrt in den Süden oder - wie man das im Zivilschutzjargon nennt - das "erfolgreiche Verschieben an den Einsatzort". Tatsächlich gehört der Tag deshalb zu den stressigsten der ganzen Woche. Kein Medikament darf vergessen, kein Gepäck verloren gehen. Dieses Mal hat die Reise in das Campo Pestalozzi in Arcegno aber glücklicherweise ohne Zwischenfälle stattgefunden und die letzten Feriengäste und Zivilschützer trafen um ca. 14 Uhr im Lager ein.

Dort folgte dann die Fortsetzung des Begegnungstags der letzten Woche: Die Feriengäste und Zivilschütze hatten Zeit, um sich noch besser kennen zu lernen. Die meisten hatten sich seit der Assista von letztem Jahr ja nicht gesehen, zudem sind auch jedes Jahr auf beiden Seiten immer wieder neue Gesichter dabei. Der Nachmittag war deshalb ganz dem gemütlichen Beisammensein gewidmet: Auf dem Sportplatz spielten einige Zivilschützer mit den Feriengästen Basketball; andere unternahmen ausgedehnte Spaziergänge oder wagten einen Abstecher in ein nahes Restaurant. Und gut die Hälfte der Gäste nahm am grossen Bingoturnier teil. Dieses wurde dieses Jahr vom OK organisiert, um bereits am ersten Nachmittag den Gästen eine gewisse Portion Spektakel bieten zu können. Denn je nach Ankunftszeit konnten sich die Stunden bis zum ersten Abendessen in den Ferien in früheren Jahren etwas ziehen. Beim Bingo ging Gast Silvio dann klar als Sieger hervor: Er gewann sowohl die erste als auch die dritte (und letzte) der drei Runden. Nur Ralf konnte ihm im zweiten Durchgang wenigstens für eine Runde den ersten Platz abringen. Fabian schaffte es dann immerhin hinter Silvio und Ralf mit Bronze aufs Treppechen.

Insgesamt zeigte auch dieser erste Ferientag der Woche, was sich bereits in den letzten Jahren bewahrheitet hatte: Die Gäste der Stiftung Pigna und die Zivilschützer fanden schnell wieder den Draht zueinander. An die Erlebnisse der letzten Jahre liess sich leicht anknüpfen. Entsprechend gelöst war die Stimmung an diesem ersten Tag.

 

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         Gäste und Betreuer beim Bingospiel

 

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       Pause nach dem Zimmerbezug                                   Erste Information am Montagabend

Dienstag, 21. August

Im Vergleich zu den letzten Jahren wurde der zweite Tag der Ferienwoche ein wenig anders gestaltet. Bisher war es so, dass Feriengäste und Zivilschützer jeweils am Dienstag direkt den ersten grossen Ausflug unternommen haben. Das bedeutete aber auch, dass man früh aufstehen musste. Das OK-Team hat die Woche deshalb für Assista 2018 umgestellt: Nach dem ersten doch eher stressigen Tag mit der langen Reise ins Tessin und dem Akklimatisieren konnte heute so richtig relaxt werden. Geweckt wurden die Gäste erst um 9 Uhr und auch für die Zivilschützer war der Beginn des Tages mit dem ersten Rapport um 8.35 Uhr entspannt. Somit blieb genug Zeit für ein ausgedehntes Frühstück, bevor dann das Lager verlassen wurde.

 

Knapp die Hälfte der Feriengäste ergriff die Gelegenheit, um beim Minigolf ein wenig an der Geschicklichkeit zu feilen. Feriengast Vlaznim freute sich dabei, dass er seinen Betreuer auf der Bahn mit einer Differenz von zwei Schlägen ausstechen konnte - wobei beide die Regeln sehr frei interpretierten, muss man vielleicht ergänzen.

Was viele der Gäste und Zivilschützer wahrscheinlich nicht wussten: Der nicht ganz ernst geführte sportliche Wettkampf wurde auf einer historischen Minigolfbahn ausgetragen. Betreiber Alfred Graf ist nämlich ein Nachkomme des früheren Eigners Filippo Tonascia und dieser wiederum übernahm die Bahn von einem gewissen Paul Bongni. Bongni, ein Genfer, liess das Minigolf 1951 patentieren. Zwar entstand Minigolf als Sportart schon früher, wohl in den 20er-Jahren in den USA. Doch erst nach der Patentierung durch Bongni gab es klare Regeln und Normen für den Sport. Bongni verwirklichte in Ascona seine Vorstellung des Sports und schuf die weltweit erste normierte Minigolfbahn, die seitdem auf der ganzen Welt in exakt dieser Form anzutreffen ist. Zu meistern sind 18 Bahnen mit exakt vorgegebener Länge und Oberfläche.

Wirtschaftlichen Erfolg hatte Bongni mit seiner Bahn allerdings nicht. So verkaufte er seine Bahn 1955 an Tonascia. Dessen Enkelin wurde 1951 gar Weltmeisterin in der Sportart. Und Tonascias Tochter Adriana betreibt heute mit Ehemann Alfred Graf die Bahn. Die beiden kümmern sich liebevoll um die Bahn. Überall stehen Pflanzen, die Graf selbst in seinem Gewächshaus aufzieht, und die ältesten Bäume auf dem Areal - sie wurden noch von Schwiegervater Filipo Tonasci gepflanzt - spendeten heute willkommenen Schatten an einem überaus heissen Tag.

 

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Dies verdient deshalb besondere Erwähnung, weil es mit der Hitze so eine Sache ist während eines Assista-Einsatzes. Feriengast Ueli Erismann, er ist diese Woche bereits zum sechsten Mal dabei, war letztes Jahr so darum besorgt, dass die Zivilschützer in ihren Uniformen mit den langen Hosen keinen Hitzekollaps erlitten (passiert ist das noch nie), dass er sich im letzten Sommer mit einem Brief an Bundesrat Guy Parmelin, Leiter des Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport, gewandt hatte. Darin fragte er nach, ob Zivilschützer während eines Diensteinsatzes bei grosser Hitze nicht auch kurze Hosen tragen dürften. Ein paar Wochen später trudelte bei Kommandant Peter Schwarz ein entsprechendes Antwortschreiben ein. Grundsätzlich liege es im Ermessen der kantonalen Zivilschutzorganisation, welche Richtlinien für die Uniformierung während eines Dienstanlasses gelten würden, hiess es darin. "Das Problem ist nur: Mir ist schlicht nicht bekannt, dass es überhaupt kurze Uniformhosen gibt", erklärte Schwarz. Und entsprechend änderte sich auch für diese Woche nichts an der Uniformierung: Lange Hosen bleiben Pflicht.

Immerhin: Für etwa einen halben Tag kamen heute auch die Zivilschützer in den Genuss, sich ein wenig luftiger kleiden zu können. Denn gut die Hälfte der Feriengäste ging nicht zum Minigolf, sondern ins Freibad nach Locarno - wo auch ein Zivilschützer seine langen Hosen für ein paar Badehosen eintauschen konnte. Entsprechend stand im Freibad das Entspannen und gemütliche Zusammensein absolut im Vordergrund. Manche der Feriengäste nutzten die Chance und schwammen ein paar Längen, andere dösten zufrieden auf dem Badetuch in der Sonne und wieder andere hörten lieber Musik und tanzten dazu. Hauptsache war, dass es Spass machte.

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Mittwoch, 22. August

 Ein Tag im Lagerleben von Vlaznim:

Mein Tag begann heute bereits um 6 Uhr. Damit bin ich vor den übrigen Gästen und auch vor fast allen Zivilschützern aufgestanden. Ich bin mich diese Zeit zum Aufstehen einfach gewohnt. In der Aussenwohngruppe der Pigna in Bülach, wo ich das restliche Jahr über lebe, stehe ich auch um 6 Uhr auf und mache mich bereit. Denn um 7 Uhr fährt bereits der Bus, mit dem ich nach Kloten zur Arbeit fahre. Ich baue Kopfhörer zusammen, die nachher von Passagieren in Flugzeugen verwendet werden. Ausser am Mittwoch, dort pflege ich jeweils die Ziegen, die bei der Stiftung Pigna in einem Gehege leben.

Im Lager muss ich natürlich auf keinen Bus. Also habe ich heute einfach in meinem FC Basel Trikot – ich bin ein grosser Fan – auf meine Betreuer gewartet und habe eine erste Zigarette geraucht. Ich habe auch nochmals kurz meine Bauchtasche überprüft. In dieser ist stets ein Epipen dabei, denn ich bin allergisch gegen Bienen und Wespen. Würde ich gestochen werden, müsste ich sofort den Pen benutzen und mir ins Bein stechen.

Meine Betreuer kamen dann um ca. 8 Uhr und wir sind gemeinsam frühstücken gegangen. Ich verstehe mich gut mit den beiden, sie haben wie ich Wurzeln in Ex-Jugoslawien. Ich selbst komme aus dem Kosovo, bin als kleines Kind mit meinen Eltern und meinen Brüdern in die Schweiz gekommen. Noch heute spreche ich mit ihnen Albanisch. Mit meinen Betreuern unterhalte ich mich aber auf Schweizerdeutsch, denn sie sind zweisprachig aufgewachsen und haben Verwandte nicht im Kosovo, sondern in Mazedonien und in Bosnien.

 

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Nach dem Frühstück mussten wir heute zackig in die Autos einsteigen. Mit diesen sind wir runter nach Locarno gefahren und dort auf ein Schiff umgestiegen. Während rund 1,5 Stunden sind wir über den Lago Maggiore nach Luino gefahren, wo heute grosser Markttag ist. Die Schifffahrt hat mir gut gefallen, wir haben alle zusammen die Aussicht auf dem Sonnendeck genossen. Und ich habe viele Zivilschützer erfolgreich davon überzeugen können, dass ich erst 30 Jahre alt bin, dabei wurde ich diesen Sommer bereits 36 Jahre alt. Natürlich habe ich ihnen dann trotzdem später verraten, dass ich bereits im August 1982 geboren worden bin. Auch sonst habe ich mich auf dem Schiff gut amüsiert, habe mich mit meinem Kumpel Manu, der auch Feriengast ist, über Frauen unterhalten. Und über Lamas. Diese haben wir auf einem gemeinsamen Ausflug mit der Stiftung Pigna streicheln und pflegen dürfen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir davor gewarnt wurden, dass sie einen anspucken könnten. Und wie wir gelacht haben, als sich eines der Tiere prompt kurz darauf in Richtung Manu umgedreht hat und bedrohlich geschnaubt hat.

In Luino kurz vor 12 Uhr angekommen, stürzten wir uns nicht direkt ins Marktgetümmel. Stattdessen machte einer meiner Betreuer eine hervorragende Pizzeria ausfindig. Meine Pizza Diavola mit scharfer Salami war köstlich. Erst nach dem Mittagessen gingen wir dann auf den Markt. Ich habe dort nach einigem Stöbern coole Shorts entdeckt, die einen ähnlichen Military-Print hatten, wie die Hosen, die ich heute anhatte. Ein paar Stände weiter kaufte ich mir dann auch noch einen Hut. Und zwar in Pink! Und noch ein paar Stände weiter schenkte mir ein Zivilschützer seine Sonnenbrille, weil er sich soeben eine neue gekauft hatte. Es war also eine richtig gute Shoppingtour heute!

 

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Nach einem kurzen Abstecher in einer Gelateria mussten wir dann auch schon wieder auf das Schiff, für den Rückweg nach Ascona. Noch einmal genossen wir kurz die Sonne, aber vor allem auch den Schatten, den auf dem Markt in Luino war es sehr heiss gewesen. In Ascona sind wir kurz nach 17 Uhr angekommen und zu dem Zeitpunkt war ich echt erledigt. Das blieb auch so auf dem Rückweg mit den Fahrzeugen ins Camp in Arcegno so. Dort gab es dann aber tolles Essen: Tacos, deren Füllung man selber zusammenstellen konnte! Damit konnte ich genug Energie für den Abend tanken. Diesen verbringe ich jeweils mit den Zivilschützern und den Mitarbeiterinnen von Pigna vor dem Lagerhaus. Wir trinken, lachen und hören Musik. Heute gab es zudem noch einen Film, den wir uns anschauen konnten: «Mein Name ist Eugen». Und so war ich dann um ca. 22 Uhr wirklich richtig müde und habe mich fertig fürs Bett gemacht. Ich bin sofort eingeschlafen.

(Anmerkung der Redaktion: Der Text entstanden aus Gesprächen, die heute mit Vlaznim geführt worden sind.)

Donnerstag, 23. August  

Am vierten Tag der Ferienwoche ASSISTA besuchten Gäste und Zivilschützer den wahrscheinlich berühmtesten Pass der Schweiz: Den Gotthardpass auf dem gleichnamigen Massiv. Der Zivilschutz hat zwar keinen Bildungsauftrag, trotzdem stand der heutige Tag ganz im Zeichen der Geschichte der Schweiz. Gäste und Zivilschützer gingen nämlich nicht zum Wandern auf den Pass, sondern um das Museum „Sasso San Gottardo“ zu besuchen.

Es handelt sich dabei um eine ganz besondere Art von Museum, es befindet sich nämlich im Innern des Bergmassivs. Schon der Eingang, vor dem sich die Feriengäste mit ihren Betreuern kurz vor 11 Uhr einfanden, ist speziell. Nicht eine prächtige Museumspforte gewährt Eintritt in die Ausstellung, sondern zwei massive Stahltüren. Denn was heute ein Ausflugsziel ist, war bis 1998 eine in der Schweiz geradezu legendäre Festung: Sasso da Pigna, wie sie auch genannt wurde, wurde während des Zweiten Weltkriegs erbaut, um im Rahmen der Reduitstrategie Schutz gegen die Achsenmächte zu bieten.

Um überhaupt zum eigentlichen Beginn der Exhibition zu gelangen, galt es einen 800 Meter langen Fussmarsch tief durch das Berginnere zu unternehmen. Sowohl für Gäste als auch Zivilschützer ungewohnt: In den Gängen der Festung herrscht das ganze Jahr über eine Temperatur von 7 Grad. Ein krasser Unterschied zu den Temperaturen, welche die ZSO Hardwald während des Rests der Woche erlebte. Einigen Zivilschützern war die Kälte nach ein paar Minuten denn auch deutlich anzusehen. Die Feriengäste hingegen schienen mit der Temperaturschwankung besser klar zu kommen. Stefan zum Beispiel gefiel sie so gut, dass er es selbst nach mehr als einer Stunden in den kalten, feuchten Festungstunnels vorzog, im Innern des Massivs zu bleiben, statt auf einer Aussichtsplattform ausserhalb der Festung die Sonne zu geniessen.

 

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Aber der Reihe nach: Nachdem die ersten 800 Meter vom Eingang in den Berg bis zum Eingang der Ausstellung zurückgelegt worden waren, wurden die Entdeckungsfreudigen von Jürg Hunziker begrüsst. Hunziker ist ein Bergler, wie man ihn sich vorstellt: Braungebrannt, eine wilde Haarpracht, wohnhaft in Andermatt, sieht aus wie ein Skilehrer und ist auch einer und ist zudem seit drei Jahren Experte für die Festung Sasso da Pigna. In diesem Rahmen trat er heute als Führer durch das Museum in Erscheinung.

„Um überhaupt zu den Geschützen zu gelangen, muss zuerst eine kleine Seilzugbahn benutzt werden“, erklärte Hunziker. Mit diesem Schrägaufzug – heute verfügt er über eine weit grössere Kapazität, als während der Zeit, wo die Festung noch im Einsatz war – mussten die Soldaten, welche für den Dienst an den Artilleriekanonen eingeteilt waren, sämtliches Material von der unteren Ebene mit Mannschaftsräumen, Spital und Küche nach oben schaffen. „80 Höhenmeter überwindet der Schrägaufzug. Da er meistens mit dem Material schon voll war, mussten die Soldaten halt laufen. Das ist in etwa so, als müsste man in einem Gebäude 25 Stockwerke hinaufsteigen.“

Im oberen Teil der Festung kamen die Gäste in der sogenannten Villa Durchzug an. „Früher gab es zwischen dem Eingang und hier keine Mauern, deshalb blies hier ständig ein kräftiger Wind. Daher der Name“, so Hunizker. Während die unteren Räume Platz für etwa 400 Personen boten, war der obere Teil für sämtliches Material zur Bedienung der Artilleriegeschütze benötigt worden. 900 Millionen Franken habe die zweigeteilte Festung insgesamt gekostet, was heute für Inflation bereinigt etwa 11 Milliarden Franken entsprechen würde. Die bis 2001 streng geheim gehaltene Festung wurde zu einem Symbol des Widerstands gegen Deutschland und Italien.

 

Die Ausführungen von Hunziker erweckten durchaus das Interesse der Feriengäste, insbesondere dasjenige von Walter. Dieser fachsimpelte mit Hunziker etwa darüber, ob die Reduitstrategie der Schweiz etwa auf die Militärmethoden der alten Römer zurückzuführen seien. Vor allem interessierte er sich aber auch für das Wohl der Soldaten, die hier teils während Monaten in der Festung ausharren mussten: „Ist sie denn auch erdbebensicher?“, wollte er von Hunziker wissen. Dieser konnte ihn beruhigen: „Die Festung war durchaus in der Lage, einem normalen Erdbeben standzuhalten.“

Schlafräume, die Tabellen zum Berechnen der Flugvektoren der Artilleriegeschosse, die Kanonen, die Dieselgeneratoren, welche die Geschütze antrieben; alles war heute im Museum Sasso San Gottardo zu sehen. Entsprechend dauerte die Führung durch die ehemalige Festung rund 1,5 Stunden. Erst kurz vor 13 Uhr kamen Gäste und Zivilschützer wieder aus den kalten Gängen an die Oberfläche auf rund 2100 Meter über Meer zurück. Wo dann im Hospitz eine heisse Mahlzeit erst recht Grund zur Freude war.

 

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Freitag, 24. August 

Die längsten Tage während einer ASSISTA-Übung haben – vielleicht mit Ausnahme des Einsatzleiters – die beiden Köche. Jean-Paul und Johnny sind bereits zum fünften Mal dabei, sie stehen vor allen anderen auf, meistens bereits um 6 Uhr, und arbeiten danach quasi durchgehend bis in den späten Abend hinein. „Oftmals bereiten wir am Abend bereits viele Sachen für den nächsten Tag vor, sonst kommen wir am nächsten Morgen mit Einkaufen und Kochen und Putzen gar nicht durch“, sagt Jean-Paul, während er ein ganzes Schneidebrett voller Basilikumblätter hackt, die nachher in die Tomatensauce kommen. Es ist 8 Uhr morgens, gemeinsam haben die beiden bereits das Morgenbuffet hergerichtet, den Kaffee gekocht (die uralte Maschine braucht für einen Liter knapp 10 Minuten), das Tagesprogramm besprochen und sind nun daran, die Saucen für das Pastafest am Abend zu kochen. Und das alles 30 Minuten, bevor die Betreuer für die Feriengäste der Stiftung Pigna überhaupt zum Morgenrapport antreten.

Für die beiden Köche ist das normal. „Wir haben uns vor rund zehn Jahren bei einem Einsatz in Graubünden kennen gelernt. Seitdem kochen wir oft zusammen im Zivilschutz.“ Jean-Paul ist gelernter Koch, arbeitet aber schon lange nicht mehr auf diesem Beruf. Johnny ist kein Koch, hat aber Metzger gelernt. Die beiden sind inzwischen ein eingespieltes Team. „Gut funktioniert es in der Küche nur, wenn man die gleiche Arbeitsphilosophie hat“, sagt Jean-Paul. Der richtige Mix aus Selbstständigkeit und Organisation, aber auch die selbe Einstellung zur Aufgabe sei wichtig. Denn viel Freizeit haben die beiden nicht. „In dieser Woche hatten wir bisher an einem Tag dreieinhalb Stunden Mittag. Ansonsten haben wir mehr oder weniger durchgearbeitet“, so Johnny.

 

Warum das so ist und dass es vor allem nicht deswegen ist, weil die beiden langsam wären, wird klar, sobald man versucht, einen Tag lang mit ihnen Schritt zu halten. Kaum ist die Tomatensauce für die Arrabiata fertig vorbereiten, setzen sich die Köche zusammen und beraten ihre Einkaufsliste. Einkaufen müssen sie jeden Tag, denn im Camp können sie nur einen einzigen Kühlschrank wirklich nutzen. Um mit frischen Zutaten zu kochen, ist die tägliche Fahrt in den Coop in Losone deshalb unabdingbar. „Wir brauchen sicher noch etwas Brot und ein wenig Zopf für morgen.“ „Die Saucen sind gemacht, können wir die auch den Laktose- und Glutenallergikern geben?“ „Nein, das geht alleine schon wegen der Gewürzte teilweise nicht. Vielleicht noch eine spezielle Wurst?“ „Ja, das könnte funktionieren, und sonst ev. einen Tomaten-Mozzarella-Salat mit laktosefreiem Feta?“ „Putzmittel brauchen wir auch noch! Und haben wir noch genug Plastikgeschirr für morgen? Das normale Geschirr sollten wir da ja nicht mehr benutzen, um die Küche schnell abgeben zu können“ So diskutieren Jean-Paul und Johnny und ergänzen innert weniger Minuten ihre Liste. Kurz nach 9 Uhr steigen sie dann in „Tim“, den uralten Toyota-Lieferwagen mit Heckantrieb, und brettern zuerst zur Entsorgung – auch das ein tägliches Prozedere, denn beim Kochen für über 80 Personen wird viel Abfall produziert – und parkieren dann beim Supermarkt.

„Zu Beginn der Woche haben wir hier für über 1500 Franken eingekauft, das sind mehr als vier Einkaufswagen“, erklärt Jean-Paul, während er durch die Gänge ein paar Joghurts für das Frühstück anpeilt. Alleine schon aufgrund der Menge dauert der Einkauf zu Beginn der Woche gut und gerne zwei Stunden. Heute Freitag, am letzten vollen Tag der Einsatzwoche, geht es aber schneller. Geübt flitzen Johnny und Jean-Paul durch den Coop, holen dort drei Pack Pulverkaffee, da zwei Flaschen Putzmittel und steuern dann zwei Sechserpack Limonade an. Im Eilzugstempo haben sie so innerhalb von 15 Minuten den grössten Teil ihrer Liste abgearbeitet.

Am längsten brauchen sie dann für den kleinen Teil, der übrig geblieben ist: Das Essen für die Allergiker und für einen Feriengast, der Eiweiss nur in ganz bestimmten Mengen zu sich nehmen darf und wo deshalb jedes Gericht aufs Gramm genau abgewogen werden muss. Jean-Paul und Johnny müssen deshalb bei jedem Gericht wieder aufs Neue herausfinden, welche Produkte sie kaufen müssen. So dauert es an diesem Freitag dann nochmals gut 15 Minuten, bis die Zutaten für die drei Spezialgerichte eingekauft sind.

   

Zurück im Camp bleibt den beiden keine wirkliche Verschnaufpause. Zwar haben sie den Wurst-Käse-Salat für den Mittag bereits am Abend fertig zubereitet – und dafür 90 Cervelats zersäbelt – trotzdem gibt es noch genug zu tun. Der Grill muss geputzt werden, die erste der drei Küchen gereinigt und für die Abgabe am nächsten Tag vorbereitet werden und die Fassstrasse für das Mittagessen steht auch schon bald an. Deswegen macht Johnny die Fassstrasse alleine mit Unterstützung aus dem Logistik-Team, während Jean-Paul eineinhalb Stunden lang die Küche putzt. Danach essen sie selbst nur ganz kurz, während die meisten Zivilschützer und Gäste sich bereits mit dem Nachmittagsprogramm beschäftigten.

 

„Es ist schon eine sehr anstrengende Woche“, sagt Johnny jetzt. „Aber es ist ein sinnvoller Anlass für einen guten Zweck“, meint er auch. Das erklärt vielleicht, wieso nicht einer der beiden auch nur einmal an diesem Tag über den hohen Arbeitsaufwand murrt. Und kurz nach dem Mittagessen stehen sie schon wieder in ihrer Küche, ein wenig isoliert vom Rest des Camps oben am Hang. Johnny bereitet das Spezialessen für den Gast vor, der nur bestimmte Mengen Eiweiss zu sich nehmen darf, während Jean-Paul alles abwäscht, was in der Küche vom Mittagessen übrig geblieben ist. Kaum sind diese Arbeitsschritte getan, nehmen sie sich schon der nächsten Aufgabe an und beginnen, alles, was nicht mehr für das Abendessen vorbereitet wird, für die Abgabe vorzubereiten. So geht es den ganzen Nachmittag weiter, ein Arbeitsschritt folgt auf den nächsten, immer gibt es etwas zu tun, kleine Unterbrüche gönnen sich die beiden nur, um kurze Rauchpausen zu machen. Immerhin, der Pastaplausch am Abend ist verhältnismässig mit wenig Aufwand verbunden. „Am aufwändigsten war das Abendessen, wo wir Hamburger gemacht haben“, erinnert sich Johnny. Das Problem: Die Burger müssen vorgegart werden. „Wir haben ca. 130 Burger gekauft, die im Backofen vorgegart werden mussten. Doch auf einem Blech haben nur acht Burger Platz und sobald man den Ofen öffnet, fällt die ganze Hitze zusammen. So war ich dann von 13 Uhr bis 17 Uhr nur mit dem Vorgaren beschäftigt.“ Und daneben mussten ja noch die ganzen Beilagen angerichtet werden, die Essiggurken, die Röstzwiebeln, Salatblätter, verschiedene zusätzliche Salate und so weiter. Das Menü widerspricht so ein wenig Jean-Pauls Prinzip für das Kochen für viele Menschen: „Bloss nicht zu kreativ werden!“ Erstens steigt der Aufwand dabei fast schon exponentiell an, zweitens steigt die Chance, dass man Dinge zubereitet, die dann von der Mehrheit sowieso nicht geschätzt werden. Deswegen lässt er heute auch die Oliven bei der Tomatensauce weg.

 

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Die Küchencrew

 

Um 16.40 Uhr beginnt für die Köche der Endspurt vor dem Abendessen. Die Saucen werden langsam erhitzt, damit sie nachher in die Wärmeboxen gefüllt werden können, wo sie dann bis zum Abendessen um 18.30 Uhr heiss bleiben. Zudem beginnen Johnny und Jean-Paul, das Wasser für die Pasta zu erhitzen. Das dauert. Und dauert. Und dauert. Also putzen die beiden weiter die Küche. Um 18 Uhr ist es dann endlich soweit und die Teigwaren können gekocht werden. Und pünktlich um 18.30 Uhr wäre auch alles bereit. Wäre, denn alle Gäste und Zivilschützer sollen vor dem Abendessen für ein Gruppenbild posieren. Wodurch sich das Schöpfen schliesslich um 15 Minuten verzögert und die Köche es auch im Vorfeld etwas lockerer hätten angehen können. Die beiden nehmen es mit Humor und posieren mit. Und machen sich nach dem Abendessen sofort daran, wieder alles aufzuräumen und zu putzen. Erst um 22 Uhr machen sie schliesslich tatsächlich Feierabend. Das letzte Mal gemeinsam, denn weil Jean-Paul dieses Jahr aufgrund seines Alters aus dem Zivilschutz ausscheidet, werden sie nächstes Jahr nicht mehr zusammen kochen. Melancholie macht sich deswegen nicht breit. „Ich bin sicher, wer auch immer nach uns das nächste Mal kocht, wird das auch gut machen.“

 

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Das Einsatzpersonal in den schwarzen ZSO-HW-Leibchen und grünem Pignabändel         Das obligate "Klasenfoto" (ZS-Personal und Gäste gemischt)

Samstag, 25. August    Die Assista-Woche endet jeweils, wie sie beginnt: Mit einem Kraftakt. Denn die inzwischen auf noch rund 70 Personen geschrumpfte Gruppe von Zivilschützern (ein paar haben das Camp bereits frühzeitig verlassen müssen, etwa um an einer Beerdigung teilzunehmen) und Gästen müssen inklusive dem gesamten Gepäck nicht nur zurück ins Zürcher Unterland fahren, sondern dabei auch an die richtigen Standorte in Bülach und Kloten verteilt werden. Der Schlusstag ist deshalb eine logistische Herausforderung, zehn Fahrzeuge gilt es vernünftig mit Fahrern und Beifahrern zu besetzen und einigermassen zügig durch den Gotthard zu schleusen.
 

Eine knifflige Aufgabe für die Einsatzleitung, gleich aus mehreren Gründen: 

Erstens: Die Feriengäste sollten auch während der drei- bis vierstündigen Heimfahrt weiterhin betreut werden. Doch die Anzahl Plätze pro Fahrzeug ist beschränkt. Und zudem sind einige der Betreuer ja auch noch als Fahrer eingeteilt. Und einige der Gäste wollen oder sollten aus medizinischen Gründen nicht unbedingt vorne sitzen. Darauf muss die Einsatzleitung also achten.

Zweitens: Einige der Fahrzeuge eignen sich zwar, um Zivilschützer zu transportieren, sind aber für Feriengäste wenig angemessen, etwa, weil man seitlich oder sogar rückwärts sitzen müsste. In diesen Fahrzeugen kommt es also zwangsläufig dazu, dass Betreuungspersonen darin transportiert werden, die dann nicht auf ihre ihnen eigentlich zugeteilten Feriengäste achten können.

Drittens: Nur ein Fahrzeug ist dazu ausgerüstet, eine Person im Rollstuhl zu transportieren.

Viertens: Sowohl Zivilschützer als auch Gäste sind mit Gepäck angereist. Dieses muss an den richtigen Ort gelangen: Für die Gäste entweder in die Aussenwohngruppe in Bülach oder in die Wohngruppen der Stiftung Pigna in Kloten. Das Gepäck der Zivilschützer muss zurück an den jeweiligen Einrückungsort. Doch nicht in allen Fahrzeugen ist überhaupt Platz für Gepäck vorhanden. Dadurch muss beispielsweise Gepäck für die Mitfahrenden des Fahrzeugs, welches einen Rollstuhl transportieren kann, im Anhänger eines anderen Autos platziert werden. Möglichst aber so, dass die Dienstleistenden dann nicht am Ende zwar ihren Feriengast sicher wieder nach Hause gebracht haben, dann aber noch stundenlang ohne Gepäck auf das Abtreten warten.

Fünftens: Nicht alle Zivilschützer reisen gleichzeitig ab. Die Logistikcrew ist am letzten Tag noch einmal so richtig gefordert und muss das gesamte Camp reinigen und wieder so herrichten, dass es vom Campbetreiber abgenommen werden kann. Sie reisen also verzögert ab.

 

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Unser Infrastrukturteam anlässlich der Schlussreinigung

  Das alles führt dazu, dass die Rückreise eine veritable organisatorische Meisterleistung erfordert, die auch mit Erfahrung nicht unbedingt weniger schwierig wird. Wie auch die letzten Jahre hat es aber auch dieses Mal relativ gut geklappt (vielleicht half es, dass Daniel Destraz, welcher den Einsatz von Seiten Betreuung leitete, derzeit an seinem Doktortitel in Physik arbeitet und ein entsprechendes Flair für mathematisches Knobeln aufbringt). Die Gäste kamen sicher und wohlbehalten wieder zuhause an, wenn auch einige ein wenig länger dafür brauchten, weil sie am Nadelöhr Gotthardtunnel in den Rückreiseverkehr gerieten oder wie ein Teil des Infrastrukturteams wegen einer Panne beim Kleinlastwagen stecken blieben. Auch die meisten Zivilschutzleistenden konnten relativ zügig die letzten Arbeitsschritte – Fahrzeuge reinigen, Material wieder korrekt zurückbringen – durchführen und anschliessend ihr Dienstbüchlein fassen. Damit war auch der letzte Assista-Tag erfolgreich zuende gebracht.
 

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Unser Kleinlastwagen "Merlin" bei der Panne auf der Rückreise.